Wie Verhaltensökonomie Unternehmen innovationsfähiger macht
Ein Gespräch zwischen Dejan Jovicevic (DerBrutkasten) und Alexis Johann (FehrAdvice & Partners)
Dejan Jovicevic: Alexis, beginnen wir ganz grundsätzlich: Was kann Verhaltensökonomie in Unternehmen leisten?
Alexis Johann: Im Kern geht es darum, menschliches Verhalten zu verstehen – und gezielt zu verändern. Unternehmen bestehen aus Menschen: Mitarbeitenden, Kundinnen und Kunden, Führungskräften. Ob jemand kauft, loyal bleibt, kündigt oder Innovation vorantreibt – all das ist Verhalten. Verhaltensökonomie hilft uns, die Mechanismen dahinter sichtbar zu machen und Barrieren zu identifizieren, die Veränderung verhindern.
Jovicevic: Können Sie das konkretisieren?
Johann: Nehmen wir einen Produktionsbetrieb mit steigenden Lohnkosten. Prozesse sind definiert, Maschinen funktionieren – aber Qualität hängt vom Verhalten der Menschen ab. Wenn ich die Fehlerquote von fünf auf ein Prozent senken will, brauche ich Verhaltensänderung. Mitarbeitende reagieren unterschiedlich auf Anreize. Genau diese Unterschiede systematisch zu analysieren, ist unsere Arbeit.
Jovicevic: Ein aktuelles Thema ist hybrides Arbeiten. Viele Unternehmen holen ihre Teams zurück ins Büro. Wie bewerten Sie das?
Johann: Pauschale „Alle zurück ins Office“-Entscheidungen ignorieren unterschiedliche Präferenzen. Ein Teil arbeitet lieber im Büro, ein anderer performt zuhause besser, die Mehrheit bevorzugt hybride Modelle.
Interessant ist: Mitarbeitende sparen durch Hybridarbeit im Schnitt rund 70 Minuten pro Woche – mehr als die Hälfte davon investieren sie wieder in Produktivität. Wenn Unternehmen klug mit Anreizen und Kontextfaktoren arbeiten – etwa Pendelzeit teilweise als Arbeitszeit werten oder den Mehrwert des Büros klar kommunizieren – entstehen Win-win-Lösungen.
Jovicevic: Warum tappen selbst erfahrene Manager in reflexhafte Entscheidungen?
Johann: Ein klassischer Effekt ist Overconfidence. Führungskräfte glauben, dass ihre Sichtweise selbstverständlich ist. Aber nur weil etwas kommuniziert wurde, heißt das nicht, dass es akzeptiert oder verstanden wurde. Awareness allein verändert kein Verhalten.
Jovicevic: Sie waren selbst Topmanager in einem großen Medienkonzern. Was haben Sie dort gelernt?
Johann: Wir hatten über 150 Unternehmen unter einem Dach, die stärker kooperieren sollten. Das Ziel war, digital Marktführer zu werden.
Ein zentraler Hebel war die Incentivierung: Managementboni waren teilweise an interne Benchmarks gekoppelt. Das fördert Konkurrenz statt Kooperation. Als wir die Anreize auf externe Benchmarks umgestellt haben, veränderte sich das Verhalten nachhaltig. Nach rund 18 Monaten war der Turnaround geschafft.
Jovicevic: Kommen wir zu KI. Wie reagieren Mitarbeitende auf deren Einführung?
Johann: Sehr unterschiedlich. Es gibt Enthusiasten, Skeptiker und Menschen mit schlechten ersten Erfahrungen. Manche fürchten Jobverlust, andere Datenschutzprobleme.
Entscheidend ist das Narrativ: Warum führen wir KI ein? Um Menschen abzubauen – oder um bessere Produkte zu schaffen? Und ebenso wichtig ist das Vorbildverhalten der Führungskräfte. Wenn KI-Nutzung subtil abgewertet wird, sinkt sofort die Bereitschaft im Team.
Jovicevic: Sie sprechen oft von Fehlerkultur. Warum ist sie so zentral für Innovation?
Johann: Innovation braucht Experimente – und Experimente produzieren Fehler. Wenn Fehler sanktioniert werden, entsteht Schweigen.
Ich habe erlebt, wie ein einziger negativer Kommentar in einem internen KI-Chat eine ganze Lernkultur abgewürgt hat. Führungskräfte müssen solche Momente erkennen und aktiv gegensteuern. Feedback-Mechanismen gehören institutionalisiert.
Jovicevic: Kooperation ist ebenfalls ein zentrales Thema für Innovation.
Johann: Absolut. Der Mensch ist grundsätzlich kooperativ – evolutionär betrachtet. Aber 10–20 Prozent können negativ ansteckend wirken. Wenn nicht-kooperatives Verhalten folgenlos bleibt, kippt die Dynamik schnell.
Deshalb braucht es dezentrale Feedbackmechanismen: Teams müssen klar signalisieren können, welches Verhalten erwünscht ist.
Jovicevic: Bleibt dieses Wissen im Unternehmen?
Johann: Das muss es. Verhaltensökonomie gehört ins moderne Führungshandwerk. Wir entwickeln mittlerweile KI-gestützte Tools, mit denen Unternehmen ihre eigenen Verhaltensdaten auswerten und situativ Handlungsempfehlungen erhalten können.
Der Wandel betrifft übrigens auch uns – wir mussten selbst AI-first denken.
Jovicevic: Macht Ihnen KI Angst?
Johann: Nein. Wir stehen alle am Anfang. Niemand ist Profi. Genau das verbindet uns. Entscheidend ist das Mindset: Lernen statt verteidigen.
Jovicevic: Ihr Fazit?
Johann: Innovation entsteht nicht durch Strategiepapiere – sondern durch gezielt gestaltetes Verhalten. Wer Verhalten versteht, kann Zukunft gestalten.
Innovation braucht Experimente – und Experimente produzieren Fehler. Wenn Fehler sanktioniert werden, entsteht Schweigen.
Der Mensch ist grundsätzlich kooperativ – evolutionär betrachtet. Aber 10–20 Prozent können negativ ansteckend wirken. Wenn nicht-kooperatives Verhalten folgenlos bleibt, kippt die Dynamik schnell.
Alexis Johann im Interview mit DerBrutkasten